Im Reich des Geisterbären

Im Reich des Geisterbären
Great Bear Rainforest - das bedrohte Paradies und seine geheimnisumwobenen Einwohner

Von Karin Ochenbauer

Spirit Bear, Geisterbär - dieser geheimnisvolle Bär ist DER Grund, an dieser Reise teilzunehmen! Jeder, der eine Reise in den Great Bear Rainforest unternimmt hat ein Ziel vor Augen: einmal im Leben dieses seltene Tier zu erblicken, diesen Schwarzbären, der weiß ist, aber kein Albino, und schon gar kein Eisbär. Beheimatet in diesem zerklüfteten und unwegsamen Gebiet der rauen Inselwelt von British Columbia. Und zwar nur hier, weltweit einzigartig.

Zum ersten Mal hatte ich 1997 von diesem mystischen Lebewesen gehört. Wir waren auf unserer ersten gemeinsamen Reise von Anchorage nach Vancouver mit einem Motorhome unterwegs, auf der Inside Passage zwischen Prince Rupert und Port Hardy erzählte mir mein Mann von diesem Bären, der nach Francis Kermode  benannt ist, von den Indianern aber Moksgm´ol genannt wird, Spirit Bear - wie vielversprechend allein schon der Name klingt!

Selbstverständlich hatten wir damals keinen Geisterbären so ganz zufällig entlang der Küste dieses dichten Regenwaldes erblickt, aber da wusste ich ja auch noch nicht, wie ausgesprochen selten es ist, einen Spirit Bear überhaupt zu sehen. Doch dieser Bär weckte meine Sehnsucht, wie das letzte Einhorn Kinderherzen schneller schlagen lässt. In den folgenden Jahren dachte ich nicht mehr an den Geisterbären, erst das Buch von Ian McAllister „Kanadas vergessene Küste - im Regenwald des Großen Bären“, das ich 2008 erstand, rief die alte Sehnsucht wieder wach. Im Juni dieses Jahres unternahm ich mit Bluewater Adventures auf der „Island Odyssey“ eine Reise in das Schutzgebiet der Grizzlys von Khutzeymateen und war so begeistert, dass der Entschluss rasch feststand: wir reisen in den Great Bear Rainforest, in der großen Hoffnung, einen Spirit Bear zu sehen!
Am 20.September, nachdem wir von unserer Tour durch das nördliche British Columbia wieder in Vancouver gelandet sind, fliegen wir nach Bella Bella – welch ein klangvoller Name! Von dort geht es mit dem Taxi zum Wassertaxi, das uns zum Shearwater Resort, unserer Unterkunft für eine Nacht, bringt. Und schon sind wir inmitten des Great Bear Rainforest, ein Gebiet von 70 000 qkm, das sich vom nördlichen Vancouver Island bis über Prince Rupert hinaus nach Alaska erstreckt und nur wenige Spuren der Zivilisation aufweist.

Was auch unmittelbar spürbar ist. Eine Reinheit der Luft, eine Klarheit des Lichts, eine Intensität der Farben  - und Stille. Der Schlüssel für unser Zimmer steckt an der Tür, wir stellen das wenige Gepäck, das wir haben, ins Zimmer, schon zieht es uns hinaus, in diese so satte Natur. Neben der Shearwater Lodge, die Übernachtungsmöglichkeit für 26 Personen bietet, gibt es noch eine Laundry, ein Restaurant, ein kleines Geschäft und ein „Kaffeehaus“ ohne Tische, aber mit Fauteuils und ein paar Bücher von Ian McAllister, dessen Buch „Kanadas vergessene Küste“ ich 2008 erwarb und mir den Geisterbären wieder in Erinnerung rief. „Ich habe bereits zwei seiner Bücher auf Deutsch zu Hause, ich wusste nicht, dass er noch mehr geschrieben hat!“, sage ich zur Verkäuferin. „Der Bildband dort, „Great Bear Wild“, ist brandneu und von Ian signiert.“ Ich entscheide mich trotz limitierten Gepäcks für den Kauf des Bildbandes und von zwei weiteren Büchern. „Ah, da ist ja Ian. Hey Ian, she has already two of your books in german at home, sie hat bereits zwei deiner Bücher auf Deutsch zu Hause.“ Überraschung auf beiden Seiten, Handshake, und schon eilt er weiter, unterwegs im Dauereinsatz für die Rettung und Dokumentation des Great Bear Rainforest. Dieser Name wurde in der Mitte der 90 er Jahre von Umweltschützern kreiert, um auf das gefährdete Paradies aufmerksam zu machen. Der Great Bear Rainforest, ein gemäßigter Regenwald, verfügt über 2000 verschiedene Gewässer, die dem Pazifischen Lachs zur Wanderung dienen, ist Heimat von 10 verschiedenen First Nation, von 1000 Jahre alten Bäumen und von weltweit einzigartigen Meeres-und Landtieren wie den lange unentdeckten wilden Küstenwölfen - und eben den Geisterbären.

Wir verbringen einen ruhigen Abend, morgens um 5.00 sind wir wie andere Gäste auch bereits auf der Terrasse, um das farbintensive Erwachen des Tages zu erleben. Treffpunkt bei der „Island Odyssey“ sollte um 10.00 sein, doch es gibt ein Problem auf dem Schiff, und so stellen wir uns alle erst einmal untereinander vor und gehen danach auf einen Spaziergang zum „Spirit Walk“. Toller Weg, aber wir wollen starten zu dieser Reise, die uns einen Spirit Bear bescheren sollte! Die Crew, Captain Neil, Maat Jonas, Biologin Ryan, Chefköchin Amy und die neue Köchin Caryn, sie sind geschult mit Menschen, die aus ihrer alltäglichen Welt von Internet und Smartphones gerissen sind, heißen uns am Schiff herzlich willkommen, helfen uns mit Gepäck und Kabinen und laden uns danach aufs Deck ein. Wir alle sind fasziniert von dieser reinen Schönheit. Wasser, Luft, Inseln, Wälder, sie verheißen pure Energie, Kraft, der Wind bläst um unsere Häupter, endlich sind wir losgeeist von all der Technologie, die uns so gefangen nimmt. Nicht ganz, wir alle haben unsere Kameras gezückt und fotografieren wie verrückt. Captain Neil lädt uns ein zu einer Pause: „Legt alle Eure Apparate weg, nur für fünf Minuten, spürt, was da ist, lasst Euch ankommen, hier und jetzt.“

Ich weiß nicht, was die anderen tun, ich schließe einfach meine Augen und versuche, tief durchzuatmen. Einatmen, aufnehmen, ausatmen, loslassen. Danach nehme ich für den Rest der Reise meine Armbanduhr ab.

Am Abend ersucht uns Neil, sich nochmals vorzustellen und unsere Wünsche an die Reise kundzugeben. Jeder, wirklich jeder von uns dreizehn Gästen gibt an, diese Reise gebucht zu haben, weil er/sie den Geisterbären sehen will, im Wissen, dass die Chance nicht gar so groß ist. Neil erzählt von seinen vielen Touren in dieses Gebiet, seit 15 Jahren arbeitet er bei Bluewater Adventures. Er versteht unsere Sehnsucht, einen Geisterbären zu sehen, warnt uns aber auch, dass es oftmals vorkommt, dass er mit einer Gruppe überhaupt keinen Bären zu Gesicht bekommt. Und erzählt das Beispiel eines Gastes, der ganz gierig darauf war, einen der seltenen Küstenwölfe zu sehen. Dieser Mann starrte mit Fernglas ein paar Stunden auf einen Küstenabstrich, um dort ansässige Wölfe zu sehen, jedoch ohne Erfolg. Als er schließlich entmutigt sein Fernglas sinken ließ erhob sich ein Wolf - er war direkt an der Küste an einen Felsen geschmiegt gelegen, war aber durch sein Fell nicht von diesem zu unterscheiden. Oder vielleicht nur nicht für diesen Menschen, der so beharrlich sein Ziel verfolgte? Captain Neil meinte dann, ein Gast hätte einmal folgendes gesagt, und gibt uns diese Worte mit auf unsere Reise:

„Sometimes you have to put yourself in the path of magic“ - Captain Neil

Durch meine letzte Reise in das Schutzgebiet der Grizzlys von Khutzeymateen bin ich ja auf eine Kabine mit dem Ausmaß von 2 x 2 Metern vorbereitet, mein Gepäck für die Schiffsreise besteht aus einem Sack mit 11 kg und einem Rucksack, mein Mann hat mehr Gewicht in seiner Reisetasche, aber er muss ja auch meine Bücher schleppen. Der Rest unseres Gepäcks blieb im Flughafenhotel in Vancouver. Keiner der Reiseteilnehmer murrt wegen des begrenzten Raumes, nur Moni und Gerald sind in Sorge, sie kommen aus Deutschland und hatten vorher schon im Osten einen Teil Kanadas bereist, weshalb sie relativ große Reisetaschen haben. Aber Jonas löst das Problem sofort: „Keine Sorge, ich finde noch irgendwo Platz“.

Das Schiff „Island Odyssey“, ein ca. 20 Meter langes Segelboot mit 2 Masten, hat 8 Doppelkabinen, die meisten mit einem Stockbett, 2 Duschen, 3 WC´s und einen Aufenthaltsraum neben der Küche. Wir sind 13 Gäste, aus Österreich, Deutschland, USA, Kanada, Großbritannien und Australien, und fünf Crew-Mitglieder. Ab 07.00 morgens gibt es Frühstück, Mittag-und Abendessen hängen von den Tagesaktivitäten ab, und diese wiederum vom Wetter. Das Kommando hat klarerweise Skipper Neil, und es gibt eine Regel, an die sich jeder hält: niemand verlässt zu irgendwelchem Zeitpunkt das Schiff ohne Schwimmweste! Zum Landgang tragen wir Überhose und Gummistiefel, denn mit dem Zodiac geht es vom Schiff zur Küste und vom Zodiac durchs Wasser ans Land. Außerdem sind wir im Regenwald, deshalb tragen wir immer regendichte Jacken und Kopfbedeckung, selbst für die Kamera haben wir uns in Vancouver einen Regenschutz besorgt.

Jeden Tag gibt es mindestens einen Landgang, wir verbringen aber auch viel Zeit auf den Gewässern des Great Bear Rain Forest, die sich durch die Inselwelt und enge gigantische Fjorde schlängeln. Mein bevorzugter Platz an Bord ist beim Mast im vorderen Bereich des Schiffes: von hier habe ich eine wunderbare Sicht auf Land und Meer, manchmal genieße ich die Wärme der Sonne, manchmal bin ich dick eingepackt zum Schutz vor dem pfeifenden Wind, manchmal lasse ich meine Gedanken wandern, und manchmal halte ich Ausschau nach Walen, Adlern und Bären. Es ist ein äußerst entspanntes Dasein auf dem Schiff, Captain Neil entscheidet über die Route und den Tagesplan, Amy und Caryn verwöhnen uns mit ihrer Gourmetküche. Rätselhaft, wie die zwei all diese Köstlichkeiten in der winzigen Küche zubereiten können!

Täglich mache ich Notizen von den Menüs:

Frühstück am 22.September: Obstsalat mit pink Grapefruit, Ananas, Banane, Weintrauben, Melone und Kiwi, Müsli und 3 Sorten Joghurt, Porridge, frisch gebackene Blueberry Scones, Eierspeise, Würstchen und Toast.

Mittagessen am 27.September: Kürbis-Ingwer-Kokosmilchsuppe, Teigtaschen mit Spinat gefüllt, Tomatensalat mit Paprika, Zimtmuffins.

Dinner am 24.September: Lasagne, Tomaten mit Büffelmozarella und Basilikum, Dungeness Crab, Caesar´s Salad, Knoblauchbrot, Zitronen-Baiser-Kuchen.
Dazu ausgezeichnete Weiß-und Rotweine aus British Columbia.

Die Zeit ist gefüllt mit so vielen aufregenden Erlebnissen! Bären, Lachse beim Laichen, Weißkopfseeadler, Seehunde, Seelöwen, Wale, die Mystik des Regenwaldes, das Bad in heißen Quellen, Wasserfälle, die First Nation Siedlung Klemtu, die ehemalige Fischfabrik Butendale und ihr einziger, interessanter Bewohner, der Austausch mit den Mitreisenden - abends können wir uns schon nicht mehr erinnern, was wir mittags gespeist hatten, und so frage ich Amy, welchen Salat wir mittags hatten: Karfiol mit Nüssen, Bohnen, Brokkoli, gerösteten Mandeln, rote Zwiebel, roter Pfeffer, Zitronen-Mayonaise-Dressing. Als sie sieht, dass ich ihr gesamtes Menü der letzten Tage notiert habe, meint sie:

„Oh, that´s the way you keep track of time“ - Chefköchin Amy

Es schüttet, als wir in unseren zwei Zodiacs einem Fjord ins Landesinnere folgen, schwer hängen Flechten an den Zedern und Fichten, während die Weißkopfseeadler in den Kronen thronen, Nebelschwaden hüllen Wasser und Land in ein sanftes Weiß, nur die Schreie der Kingfisher-Möwen unterbrechen die Stille. Trotz des strömenden Regens versuchen wir diese Magie mit unseren Kameras einzufangen, außergewöhnlich mutet die Szenerie an. Wir legen an Land an und klettern über einen rutschigen Hügel hinauf, dort gehen wir durch hohes Gras und teils unwegsames Gelände leise und vorsichtig, einer hinter dem anderen. Überall kann ein Grizzly sein! Neil gibt den Weg vor, Jonas und Ryan bilden das Schlusslicht. Und schon bald sehen wir eine Bären-Mama mit drei Babys. Wir halten einen sehr großen Sicherheitsabstand, denn Mama Bär ist nervös, sie rennt weg. Und deshalb treten wir den Rückzug an, wieder leise und vorsichtig, denn in dem hohen Gras könnte leicht noch ein weiterer Grizzly dösend liegen. Uns alle schreckt ein mitternachtsblauer Stellar Jay oder Blauhäher durch sein plötzliches Krähen auf, während die Seehunde um unsere Zodiacs herum spielen. Wir fahren noch tiefer in den Regenwald hinein, denn Neil möchte uns einen besonderen Platz zeigen: den Reibebaum der Grizzlys. An diesem reiben die Bären ihren Rücken und hinterlassen so Duftmarken, um ihre Anwesenheit zu demonstrieren. Der Platz wirkt wie eine Baumkathedrale, hoch ragen die Bäume empor und bilden mit ihren Ästen einen Schutzraum, den wir betreten, ohne etwas zu berühren, um keine menschlichen Duftnoten zu hinterlassen. Von diesem Platz führen tief eingetretene Spuren weg. „They walk like a cowboy“, sagt Neil, die großen männlichen Bären verstärken durch diese Art der Bewegung die Spuren, denen dann alle Bären folgen. Da diese tief in das Erdreich eingetreten sind vermutet man, dass die Bären diesen Spuren seit Jahrhunderten folgen.

Es ist bereits 17.00, als wir an einem flachen Meeresarm anlegen. Es gilt wieder die Regel, mit maximal einer Armeslänge Abstand vorsichtig hintereinander zu gehen, keiner verlässt die Reihe - es ist Grizzly-Land und nicht das unsere! Schon sehen wir, nur durch einen etwa drei Meter Flussstreifen getrennt, Mama Grizzly mit 3 Jungen, die sich ausgiebig strecken und herumtollen. Auf demselben Landstreifen wie wir taucht hinter einem Gebüsch eine weitere Grizzly-Mama mit Nachwuchs auf und zieht Richtung Landesinnere. Wir folgen dem Kommando von Captain Neil und gehen langsam an das Ufer des Flusses, als die Grizzly-Familie beschließt, ein Bad zu nehmen. Ein Bär taucht ein und lässt sich von der Strömung tragen, der nächste schmaust einen Lachs, der andere sitzt im Wasser und genießt sein Mahl, Mama geht auf der anderen Seite an Land, zwei Kleine folgen, während der dritte im Wasser spielt, sich zu seinen Geschwistern gesellt, und bald balgen sich alle drei in der Dämmerung. Wir sind fasziniert von dem Schauspiel direkt vor unseren Augen, als Neil zum Aufbruch ruft. Aber siehe da, zwei ausgewachsene Grizzlys sind direkt bei unseren Schlauchbooten und versperren uns den Weg! Neil sagt, wir sollten dicht an ihm dran bleiben, ich stehe direkt hinter ihm, und als ich mich umdrehe, sehe ich die Gruppe deutlich mehr als eine Armeslänge hinter mir. Neil geht etwas näher an die Grizzlys, um sie zu vertreiben, der eine Bär lässt sich auch darauf ein. Gemütlich steigt er in den Fluss und fischt sich einen Lachs, bevor er ans andere Ufer schwimmt. Der zweite Bär hat aber anderes vor, er dreht sich um und kommt direkt auf uns zu, worauf Neil mit sehr ruhiger, dunkler, kraftvoller Stimme sagt:

„Hey bear, go and see your buddy! - Captain Neil

Der tut es und trollt sich auch ans andere Ufer. An diesem Abend sind wir alle überdreht: 13 Grizzlys auf so wenigen Quadratmetern! Neil meint: „Wie ein Schachspieler hatte ich Euch zu bewegen, da ein Grizzly, dort ein Grizzly“. Kein Wunder, dass ich die ganze Nacht von Bären träume! Ziemlich früh werde ich wach durch ein ständiges Klatschen auf dem Wasser. Wie jeden Morgen sehe ich hinaus und  lasse meine Augen die Küste entlang wandern, um vielleicht einen Küstenwolf zu sehen. Es taucht jedoch nur der Kopf eines Seelöwen auf, das Klatschen kann ich nicht zuordnen. Erst als wir nach dem Frühstück einen Landgang machen wird der morgendliche Klang verständlich - Lachse springen aus dem Wasser und klatschen wieder auf der Oberfläche aus. Der Flusslauf ist randvoll mit zappelnden Lachsen, viele tote Fische liegen herum. Ein Reiseteilnehmer meint: „Welch´ eine Verschwendung, all die toten Lachse. Wieviel würden wir im Supermarkt für Lachse bezahlen!“

Ryan, unsere Biologin, klärt uns jedoch auf. Auch die Lachse, die es nicht schaffen, ihre Eier abzulegen, sind wichtig für zahlreiche andere Tiere und die Natur. Sie werden gefressen und ausgeschieden, und dadurch wurden selbst in Bäumen an Flüssen Elemente aus dem Meer gefunden. Außerdem brauchen Lachse sowohl auf ihrem Weg ins Meer als auch zurück zum Laichen in den Fluss Zeit, sich auf das jeweilige Wasser, süß oder salzig, anzupassen.

Unsere heutige Reise führt uns an einem Felsen vorbei, auf dem ca. 200 Steller Seelöwen dröhnen, thronen, kämpfen, wälzen, ins Meer tauchen, und intensiv riechen. Wieder kommt das Gefühl auf, an einem Film für „Universum“ teilzunehmen, so direkt ist das Geschehen vor uns, zu sehen, zu hören, zu riechen.

Dann steuern wir auf den offenen Pazifik zu, müssen aber vor Aristazabal, einer Insel, die nach einem spanischen Kapitän benannt wurde, umdrehen, da ein Sturm angesagt ist, der uns in der Früh treffen würde. Stattdessen fahren wir in einen geschützten Meeresarm, dessen Farben in der frühen Abendsonne intensiv leuchten.

Am Morgen regnet es heftig. Dick vermummelt sitzen wir für unseren Ausflug im Zodiac, die Kapuzen weit in die Stirn gezogen. Jonas, der das Zodiac steuert, schaut uns schweigende Gruppe an und meint: „Ihr seid tapfer!“. Und Peter sagt, bei so einem Wetter hinauszufahren sei wie an einem komplett verregneten Tag Kinder, die schon unruhig werden, zum Auslüften an die frische Luft zu treiben. Aber wir werden belohnt, ziehen Jonas und Ryan doch einen Sonnen-Seestern aus dem Wasser, orange, ca. 1 Meter Durchmesser, 20 Füße! Weiters sehen und befühlen wir violette und pinkfarbene Seesterne, cremefarbene Schlangenseesterne, einen handtellergroßen dunkelroten Seeigel mit weißen Stacheln, einen schwarzen Seeigel und einen orangefarbenen. Filigrane Lebewesen aus einer anderen Welt, der Welt des Meeres. Gar nicht filigran hingegen sind die Braunalgen, die sich mit ihren Wurzeln an Felsen ankrallen und eine Länge von bis zu 10 Metern erreichen. Wir fahren mit dem Zodiac langsam in das dichte Geflecht von Braunalgen hinein und schauen durch ein Aquascope in den Meereswald. Sanft bewegen sich die Algen in der Strömung des Meeres, geübte Taucher getrauen sich auch, in dieses Labyrinth einzudringen. Es ist Heimat vieler Tiere, die hier Schutz vor Angreifern suchen und finden, und so taucht zwischen dem Pflanzengestrüpp auch immer wieder der Kopf eines Seehundes auf. Ryan erzählt, dass ihr die Braunalgen schon einmal das Leben gerettet haben, als sie mit dem Kajak unterwegs war und die Strömung zu stark, um sie noch kontrollieren zu können. Die Braunalgen um das Kajak geschlungen reduzierten das Tempo der Strömung.
Als wir mit klammen Fingern und mit regennasser Kleidung aufs Boot zurückkehren, meinen Jonas und Ryan:  

„Hearty souls“ und „Now I´m feeling aired out!“ - Maat Jonas & Biologin Ryan

An Bord der Island Odyssey sind zahlreiche Ferngläser zur freien Verfügung. Sind wir auf Fahrt machen wir Tagebuchnotizen, zeichnen die zurückgelegte Strecke auf unserer Landkarte ein, schmökern in der Bord-Bibliothek, und halten Ausschau nach Walen. Wer einen Wal sichtet gibt dies dem Captain bekannt durch Anzeige des Armes und den Ruf: „Wal auf 2 Uhr“. Oder „Wal auf 11 Uhr“. Dann fährt Neil in die Richtung, in der einer von uns die Wale gesehen hat. Wir sehen Schwertwale mit einem Kalb, das aus dem Wasser springt, Schweinswale und Buckelwale. Das großartigste Erlebnis haben wir, nomen et omen, im Whales Channel, als nämlich zwei Buckelwale direkt neben dem Boot auftauchen. Es ist berührend, diese Giganten des Meeres zu sehen, zu riechen, zu hören, und der Regenbogen in der Feuchtigkeit ihres Atems lässt uns verzaubert staunen. Immer wieder tauchen sie unterm Boot durch und auf der anderen Seite wieder auf, sie winken uns mit ihren Flossen, und als einer der beiden Wale vor dem Bug mit seinem Kopf durch die Meeresfläche sticht ruft Amy begeistert aus:

„Friendly whales!“ - Chefköchin Amy

„Ihr erlebt auf dieser Reise die Giganten, Wale und Grizzlys, aber ich möchte Euren Blick auch auf die kleinen Wunder lenken.“ Ryan, unsere Biologin, ist fasziniert von, ja tatsächlich, Moosen und Flechten! Sie haben ja auch klangvolle Namen, Methusalem´s Bart und Hexenhaar, die auf Fichten und Zedern hängen und ihnen ein geheimnisvolles Aussehen verleihen. Ryan sammelt bei unseren Landgängen immer wieder „moss and lichens“, um uns in einer Pause an Bord in das Leben dieser kleinen Organismen einzuweihen.

„The whole day, and I mean it“, sagt Captain Neil, bevor wir unseren Landgang starten. „Auch wenn wir keinen Bären zu Gesicht bekommen, wir verlassen den Beobachtungsstand nicht um 2 Uhr, nicht um 3 Uhr, sondern wir bleiben den ganzen Tag dort, okay?“ Natürlich sind alle einverstanden, ist doch heute unsere große Chance, einen Geisterbären zu sehen!

Zuerst müssen wir vom Zodiac über große Felsen klettern, bevor wir auf einen schmalen Pfad kommen, der durch einen urwüchsigen Birkenwald führt. Wenige hundert Meter weiter ist links eine Aussichtsplattform direkt an einem Bach, in dem sich gerade ein großer Schwarzbär tummelt. Das Adrenalin steigt sichtlich bei uns allen, wir sind noch nicht einmal auf der Plattform angekommen und sehen schon den ersten Bären. Dann warten wir etwas und folgen Neil zur zweiten Plattform, die in Sichtweite der ersten liegt. Und da, in großer Entfernung, ein Schwarzbär mit einem schwarzen und einem weißen Jungen! Doch die Mutter ist vorsichtig und verschwindet mit dem Nachwuchs sofort in der Dichte des Regenwaldes. Von nun an warten wir geduldig. Es ist ein meditativer Zustand, dieses Schauen und Lauschen, dieses Warten und Hoffen. Es sind ein paar Stunden, in denen ich mich auf das Trommeln des Regens auf dem Dach konzentriere und das satte Grün in mich aufnehme, unterbrochen von einem Nerz, der über den Felsen huscht, einem Reiher, der durch das Wasser stolziert, und dem Schrei eines mitternachtsblauen Stellar Jays. Wir wechseln zurück zur ersten Aussichtsplattform, und da! Ein Geisterbär zieht gemächlich den Bach entlang und macht Pausen, um einen Lachs nach dem anderen zu fressen. Blutverschmiert ist seine Schnauze, als er sich den Bauch mit dem so reichhaltigen Angebot füllt. Langsam kommt er direkt beim Stand vorbei, schaut kurz zu uns her, doch nicht einmal das unzählige Klicken der Kameras stört ihn bei seiner Tätigkeit. Und entschwindet wieder hinter der Biegung des Baches und dem Grün des Regenwaldes. Unsere Gesichter hätte jemand sehen sollen: bei allen leuchtende Augen und ein strahlendes Lächeln. Ein Geisterbär! Dieser Schwarzbär, der aufgrund einer Genmutation ein cremefarbenes Fell hat und somit kein Albino ist, kommt in einem Verhältnis von 10 zu 1 zur Welt und spielt in der Mythologie der Indianer eine Rolle. Laut der Tsimshian hat der Schöpfer jeden 10.Bären weiß gemacht zur Erinnerung an die Zeit, als das Land mit Gletschern bedeckt war. Und als der Weiße Mann kam, um zu jagen, wurde der Spirit Bear ganz einfach verschwiegen, heute ist ein Abschuss verboten und mit hoher Strafe belegt. Somit gibt es jetzt im 21.Jahrhundert noch eine Population von ca. 200 bis 400 dieser geheimnisvollen Bären, die man kaum zu Gesicht bekommt. Wir haben einen gesehen! 

Doch es kommt noch besser. Wir verlassen die Aussichtsplattform und setzen uns plaudernd auf Felsen am Bachufer, um in unseren Glücksgefühlen zu schwelgen, als jemand mit der Hand schnippt: er kommt zurück! Ich weiß nicht, ob ich noch geatmet habe, als der Geisterbär wenige Meter von mir entfernt den Bach entlang tapst, ins Wasser springt, um sich einen besonders großen Leckerbissen zu sichern, sich auf seine Kehrseite setzt und den Fisch von der Schwanzseite anbeißt auf der Suche nach Eiern, bevor er sich den Kopf einverleibt. In einiger Entfernung taucht ein Schwarzbär auf, Scarface wird er genannt, denn er hat offensichtlich von einem Kampf große Narben im Gesicht. In seinem Schlepptau ein Halbwüchsiger. Der Geisterbär aber lässt sich in keinster Weise stören - er wird „The Boss“ genannt.

Als es Zeit zum Aufbruch ist hält Ryan ein winziges Pflänzchen in der Hand und setzt zur Erklärung über die Weiterpflanzung von Moos an. Worauf Joy meint:

„You are not trying to get me interested in moss now?“ - Gast Joy

Jede Reise geht einmal zu Ende, und bevor wir das Schiff verlassen ersucht uns Neil um unser Feedback. Was hat uns am besten gefallen, am meisten berührt? Neil gibt dem ersten eine Adlerfeder, die er vom Stamme der Haida auf Haida Gwaii erhalten hat und kunstvoll mit Perlen verziert ist. Eine „talking feather“, die an den weitergereicht wird, der als nächster etwas sagen möchte. Es ist ein sehr emotionaler Moment, rundum sieht man feuchte Augen, und als ich meinen Nachbarn weinen sehe erlaube auch ich meinen Tränen zu fließen. Was hat uns am besten gefallen? Die 13 Grizzlys, der Geisterbär, die freundlichen Wale? Die Crew, die uns so wunderbar betreut hat? Unsere Gruppe, die so achtsam miteinander umging? Dieses Paradies mit seiner archaischen Landschaft und seinen intensiven Farben? Die leise Welt der Seesterne und Algenwälder? Die Zeitlosigkeit und erfüllte Entspanntheit? Es ist wohl die Summe einer so reichen Woche, die uns alle berührt und uns dankbar sein lässt für diese Woche. Als Neil die Adlerfeder zurück bekommt und uns alle ansieht meint er:

„That´s the magic of Talking Feather“ - Captain Neil

Ich wurde gebeten, zum Schutz der Bären auf genaue Orts-und Zeitangaben zu verzichten. Dieser Bitte komme ich sehr gerne nach.

Selbstverständlich hatten auch wir wie alle anderen Reiseteilnehmer zuvor eine Enthaftungserklärung unterschrieben. Das Paradies ist kein Zoo.

Weiterführende Literatur:
 
Ian McAllister: The Wild in YOU: Voices from the Forest and the Sea (2015)
Ian McAllister: Great Bear Wild: Dispatches from an Northern Rainforest (2014)
Ian McAllister: The Great Bear Sea: Exploring the Marine Life of a Pacific Paradise (2013)
Arno Kopetzky: The Oil Man and the Sea - Navigating the Northern Gateway (2013)
Paul Nicklen: Bear, Spirit of the Wild (2013)
Ian McAllister: Wilde Wölfe: Mein Leben mit den Letzten ihrer Art in Kanada (2011)
Caytlin Vernon: Nowhere Else on Earth: Standing Tall for the Great Bear Rainforest (2011)
Ian McAllister: The Salmon Bears: Giants oft he Great Bear Rainforest (2010)
Ian McAllister: The Sea Wolves: Living Wild in the Great Bear Rainforest (2010)
Ian McAllister: Kanadas vergessene Küste: Im Regenwald des Großen Bären (1998)
  Buchberggasse 34; 3400 Klosterneuburg; Österreich   +43 2243 / 25994   office@canadareisen.at / office@amerikareisen.at